DAS SCHLOSS DER KÜNSTLER

1959-1974

In der aussichtslosen Lage, in dem sich das Schloss im Jahre 1959 befand, nachdem die gesamten Herrschaftsgründe samt dem ehemaligen Schlossgarten verkauft worden waren, wurde es Standort für Außenseiter. Künstler zogen in das leere Schloss ein, das sich nunmehr in einen geheimen Treff der Wiener Avantgarde verwandelte. Hauptsächlich waren es Mitglieder der sogenannten Wiener Gruppe, die aus dem Wiener Art Club hervorgegangen war und sich seit etwa 1954 unter dem Einfluss H. C. Artmanns  formiert hatte. Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener zählten zu ihren Mitgliedern. Diese brachten weitere Außenseiter wie Udo Proksch, Friedensreich Hundertwasser, Ferry Radax, Walter Pichler und jede Menge von Adabeis ins Schloss. Künstler und Intellektuelle verschiedenster Herkunft und unterschiedlichster Fachgebiete, Musiker, Schriftsteller, Maler bis zu Filmemachern belebten das Schloss und sein Umfeld vor allem im Sommer über fünfzehn Jahre lang. Für sie war dieses „vergessene“ Schloss, das über zweihundert Jahre als Getreidespeicher, Lagerhalle und Wohnung für die Gutsarbeiter gedient hatte, die Hauptattraktion eines Lebens abseits der Bürgerlichkeit.

Padhi Frieberger 1931 - 2016

Konrad Bayer 1932 - 1964
Udo Proksch 1934 - 2001
Hundertwasser 1928 - 2000

PADHI FRIEBERGER 1931 - 2016

Der Universalkünstler Padhi Frieberger entdeckte Hagenberg im Jahre 1959. Obwohl der Maler Armin Ackermann und der Dichter Konrad Bayer im Schloss eingemietet waren, war es Padhi, der fünfzehn Jahre lang Sommer und Winter hier verbrachte und mit seinen Fotos Leben und Leiden im Schloss dokumentierte. Es war Padhi und seine Künstlerfreunde, welche das Schloss im eigentlichen Sinne vor dem Untergang gerettet haben.

KONRAD BAYER 1932 - 1964

Konrad Bayer war die zentrale Figur der Wiener Gruppe. Er ist der Genius Loci des Ortes – der hier Wurzeln schlug und sich hier verewigte. Seine Texte enthalten eine Unzahl von Bezügen zum Dorf und natürlich besonders zum Schloss und seinen Innen- und Außen­räumen. Besonders das durchlöcherte Dach, hatte es ihm angetan.

 Die Malerin Ida Szigety schrieb über die letzten Tage des Konrad Bayer Im Sommer 1964: kehrten Ferry und ich nach Wien zurück. Wir besuchten Konrad auf Schloss Hagenberg, wohin er sich zurückgezogen hatte, um seinen Roman ‚Der sechste Sinn‘ zu beenden. Wir verbrachten diesen Sommertag mit ihm, Hundertwasser und seiner Frau Yuko, liessen Drachen steigen und genossen ein Abendessen auf der Wiese unter den Sternen. Konrad war ausgelassen, lachte und zündete Raketen in der schon dunklen Nacht. Es war eine eigenartige Stimmung. Am 9. Oktober 1964 waren wir mit ihm in einem Wiener Schnapslokal verabredet. Konrad beklagte sich bei mir über Magenkrämpfe, er war in einer eher deprimierten Stimmung. Von dort fuhren wir auf seinen Wunsch ins Café Hawelka, wo wir wie immer alle Freunde trafen. Peter Daimler lud uns alle in sein Haus nach Hietzing ein. Die Platten der Beatles wurden gespielt, ‚A Hard Day’s Night‘, immer und immer wieder dieselben, einige tanzten. Konrad sass am Boden, den Kopf im Schoss einer Dame, und beobachtete die ganze Szene, ohne irgendwie teilzunehmen. Ferry und ich fuhren gegen 2 Uhr nach Hause. Aus: chère ida: Konrad Bayer an Ida Szigethy , Bibliothek der Provinz 2018

Sein Freitod am 10.Oktober 1964 war ein einschneidendes Ereignis für alle seine Freunde. Und er ist auch jene Person, welche geistig mit mir verbunden ist. Denn was er schrieb, die fernen Kontinente und Meere, die er sich erträumte, die Geschichte des im Pazifischen Ozean erfrorenen Kapitäns Vitus Bering, die Geschichte genau dort, wo ich sie auf Hundertwassers Schiff Regentag auch verwirklicht habe …

Zitate Konrad Bayer „Der Kopf des Vitus Bering“ Bibliothek Suhrkamp 1970

Seite 20: ER UNTERBRICHT seinen Luftakt und zieht eine runde um den Schlossteich.
Seite 23: Und wenn er dann aus dem fenster sah, dass neben dem schrank, dann sah der die Festung und das war Petersburg und die Luft war angenehm und da atmete er, dass er es merkte; und er war froh, dass er da war, wo er war, und er dachte auch gar nicht weiter.
Seite 28: theorie der schiffahrt: vitus bering hat reisen um die welt angestellt, und zwar zu schiffe, aber nirgends fand er ein ende oder eine kante.
Seite 30f: essen und trinken / II … 12. „mehr wasser!“ rief bering. er war durstig geworden.

Zitate KONRAD BAYER DER SECHSTE SINN ROMAN Deuticke 1993

Seite 63f: „stundenbuch“ murmelte er und sagte: “ dieses haus ist unser schiff, dieses schiff ist der gipfel der welt, immer oben, der dachboden mit seinen wäscheleinen ist die kommandobrücke und das grosse loch im dach ist der ausguck und die bunten handtücher sind unsere wimpel“:
Seite 129: das ist der tisch, nein das ist der sessel, es ist der tisch und da ist der brief, wo ist der brief, er ist nicht da, halt was ist das? da liegt papier, da ist die wand, da ist die tür und da ist der schalter. goldenberg macht licht, denkt an die genesis, nimmt den brief aus der schublade und verlässt das zimmer.

UDO PROKSCH 1932 - 2001

Udo kannte ich aus Salzburg, als er dort in die Gewebeschule ging und mit einer meiner Schwestern befreundet war. Während meiner Studienzeit in Wien besuchte ich ihn öfters, weil er, wie er mir sagte, sehr viel von mir hielt. Nachdem ich das Studium abgebrochen hatte, bat ich ihn, mir jemanden aus seinem umfangreichen Bekanntenkreis zu empfehlen, für den ich mich nützlich machen könnte. Nach monatelangen Insistieren bot er mir eine Stelle in einer Plastikfabrik an, die er normalerweise für seine Liebschaften verwendete, und die auch ich zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligten ausfüllte. Nach ein paar Wochen erzählte er mir dann, dass er einen verrückten Maler kennen würde, dem er mich als seinen Sekretär einreden könne.

Ich wurde in der Edenbar in Wien Hundertwasser und seiner japanischen Frau Yuko vorgestellt, und ich hatte sofort das Gefühl, dass ich bei ihm eine Aufgabe gefunden hatte und diese auch erfüllen könnte.

HUNDERTWASSER 1928 - 2000

Hundertwasser war in den sechziger Jahren sehr gerne bei seinen Freunden in Hagenberg, er war sich der Bedeutung dieses Ortes wohl bewusst.  Nach Angaben von Padhi hatte er auch vor, das Schloss zu erwerben und das Dach mit bunten Kacheln einzudecken. Ich hatte das große Glück, lange Jahre an seiner Seite zu stehen und bis zuletzt mit ihm verbunden zu sein.

Genau an diesem Tag, dem 28.April 1974,  war es aber mit Padhis Herrlichkeit in Hagenberg zu Ende: Das Schloss wurde von der Familie Reuss an Hauptmann Josef Steiger verkauft, der alle Künstler und ihre Objekte umgehend aus dem Gebäude entfernte. Für einen Normalbürger sah dieses freilich nicht sehr einladend aus:

Hagenberg 1
2133 
Fallbach

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